Nach dem erfolgreichen Auftakt im September lockte die zweite Ausgabe von KLUB UNIVERSUM am 15. November 2018 etwas mehr als 130 LehrerInnen und andere Beschäftigte an Schulen sowie ReferendarInnen und Studierende ins Universum® Bremen – um inspirierende Eindrücke von unseren fünf Bühnengästen mit nach Hause zu nehmen, um sich gegenseitig kennenzulernen und auszutauschen und um gemeinsam bei leckeren Speisen und Getränken einen zwanglosen Abend zu erleben.

Das Thema stieß auf reges Interesse: ›spielend zusammen arbeiten‹ wurde KLUB UNIVERSUM #2 überschrieben und so facettenreich, wie es klingt, waren auch die Sieben-Minuten-Beiträge, denen gelauscht wurde. Unser charmanter Moderator Sebastian Butte führte durch den Abend, fragte nach und ließ das Publikum nachfragen.

(Fotos: Michael Bahlo / nordaufnahme.de)

 

An der Schule von Jennifer Peetz im gar nicht so fernen Bremerhaven lernen SchülerInnen innerhalb des WAT-Unterrichts ganz praktisch und lebensnah, den Kreislauf der Wirtschaft und den Lauf der modernen Welt nachzuvollziehen: In der eigens konzipierten und jahrgangsübergreifenden ›Lernwerkstadt‹ steht alles, was eine richtige Stadt ausmacht: Eine Bank, Geschäfte, Ämter und vieles mehr, was zu unserem Alltag gehört. Kinder werden spielerisch und ganz sinnlich an das herangeführt, womit sie später fast jeden Tag zu tun haben werden. ›› mehr zur Lernwerkstadt hier

 

Im Jahr 2010 gründete der Sozialpädagoge Daniel Magel in Bremen-Tenever das Programm Hood Training – und das mit zunehmendem Erfolg, wachsender Anerkennung und nun auch mit Dependancen außerhalb Bremens. Kindern und Jugendlichen bietet er mithilfe ausgefeilter Sportprogramme und innerhalb eines Sozialgefüges, das auf gegenseitigem Respekt und vorurteilsfreiem Miteinander basiert, Perspektiven. Sie erfahren, dass sie geschätzt werden und wertvoll sind – und dass es sich lohnt, sich nicht aufzugeben und Ziele zu verfolgen. Hood Training arbeitet dabei eng mit Schulen und PädagogInnen zusammen. Getragen wird das Projekt mittlerweile von der Stiftung ›Aktion Hilfe für Kinder‹. ›› hoodtraining.de

 

Theaterstücke zu entwickeln, zu proben und schließlich aufzuführen, ist eine Herausforderung. Aber eine, die Spaß macht und trotz – oder gerade wegen – der Anstrengungen und Entbehrungen auch fürs Leben prägt. Das Bremer Ensemble The Next Generation besteht aus etwa 40 jungen Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen und Regionen, die unter professioneller Anleitung  – unter anderem von der Gründerin und Leiterin Saher Khanaqa Kükelhahn und Tom Pichelmann, die uns beide Rede und ANtwort standen – jährlich eben diese Strapazen auf sich nehmen. Das Ziel verbindet: Am Ende muss die Show stehen! Und auf dem Weg dahin wird Deutsch vertieft, Selbstbewusstsein getankt und, das bleibt nicht aus, auch ein bisschen Disziplin vermittelt. ›› nextgeneration-hb.de

 

Prof Dr. Arvid Kappas ist Psychologe und lehrt und forscht an der Jacobs University in Bremen-Nord. Das, worüber er uns berichtete, klingt ein wenig nach ferner Zukunft – tatsächlich ist es Gegenwart und der Stand der Technologie: Er und sein Team brachten dem Lernroboter Nao Empathie bei. Nao – ein Geschöpf eines französischen Unternehmens – soll SchülerInnen beim Lernen unterstützen. Er erkennt, wenn Kinder und Heranwachsende gelangweilt sind, wenn sie voll dabei sind oder wenn sie überfordert sind und reagiert entsprechend darauf, um die SchülerInnen zum Weiterlernen, zum Dranbleiben, zu motivieren. Nao soll keine PädagogInnen ersetzen. Vielmehr soll er ein unterstützendes Angebot werden, um SchülerInnen mit unterschiedlichem Wissens- und Entwicklungsstand da unter die Arme zu greifen, wo es nötig ist. ›› mehr zu Prof. Dr. Arvid Kappas hier

 

Das kennen wir alle: Betritt ein Tier den Raum, ein zahmes und kuschelbares noch dazu, versammelt sich die Aufmerksamkeit um dieses Wesen. Das ist bei Kindern natürlich nicht anders. Stefanie Schrage hat vor sechs Jahren damit begonnen, ihren Boston Terrier Rudy mit in ihre Grundschule zu nehmen und, mehr noch, ihn in den Schul- und Unterrichtsalltag zu integrieren. Die Folgen waren und sind: In Gegenwart des Hundes sind die Schülerinnen und Schüler konzentrierter, vorsichtiger und empathischer. Natürlich dient Rudy nicht nur dem Klassenklima: Kinder vertrauen sich ihm an und übernehmen Verantwortung für ihn, nehmen Rücksicht auf seine Bedürfnisse und erleben Erfolge, wenn Rudy sich wiederum ihnen anvertraut und ihnen aufs Wort gehorcht.

 

Umrahmt wurde KLUB UNIVERSUM #2 ›spielend zusammen arbeiten‹ einmal mehr von Kunst und Musik. Die richtigen Beats kamen wie gewohnt vom wunderbaren DJ :phil.

Die Bremer Schülerband Shelter sorgte mit ihren Versionen von Pink Floyd‘s The Wall und dem Jetzt-Schon-Klassiker Uptown Funk für Töne, die man gerne wieder hören möchte. ›› mehr zur Band hier

 

 

 

Beim ersten Mal war er leibhaftig vor Ort und sorgte für vielerlei Emotionsausdrücke – Lachen vor allem – aber auch für Momente der Reflexion und der Selbstironie beim Publikum. Bei KLUB UNIVERSUM #2 war der Puppenspieler Leo Mosler leider, leider, leider nicht persönlich vor Ort. Dafür ließ es sich seine Figur aber nicht nehmen, uns eine Videobotschaft zukommen zu lassen! MAZ ab:

 

 

 

Und nicht zuletzt bot uns die Poetry Slammerin Janina Mau (›› Webseite) Einblicke in ihre Sicht auf Bildung, Schulen, SchülerInnen und LehrerInnen.

Das in wenigen Worten zusammenzufassen, ist ein sinnloses Unterfangen und vor allem macht es viel mehr Spaß, sich ihren Text persönlich auf der Zunge zergehen zu lassen. Bitte sehr:

 

Unterm Strich

Auf Tintenblau am Löschblattrand stand ganz gebannt ein kleiner Bruch.
Er wartete und wartete und schrie irgendwann „Nun ist`s genug!
Bin oben gerade, unten gerade, dazwischen eine schöne Waagerade.
Doch In jeeedem Heft werde ich gedisst!
Nur weil ‘gerade und gerade’ angeblich noch nicht perfekt ist.
Irgendjemand behauptet, dass meine Teile zu groß sind!
Und dass ich ganz kurz erst vollkommen ganz bin!
Ich will nicht mehr… Das ist Diskriminierung!
Und für die armen Kinder die reinste Verzweiflung!“

In 6000 Quadratmetern Flachbau aus Wissen leben dreivierteltags die kuriosesten Wesen. Die füttern und schuften, schuften und fressen. Da verbreitet sich Wissen und flüstern sich Gerüchte. Da lernen sich Lebens-lessons und verzweifeln kleine Brüche. Da diktieren Lehrpläne und argumentieren Pädagogen. Da entscheiden Noten über Lebenswege und Motivation. Da gähnen Schüler und verzweifeln Lehrer. Da frustrieren sich Kinder und ratlosen die Großen.

Irgendwas mit c-Quadrat und Klammer zu, Tangente steigend, hör doch mal zu! Irgendeine Jahreszahl und die Schlacht von Waterloo… 1815 – das ist wichtig, 7 von 10 sind immerhin richtig, eine 124 unterm Bruchstrich… – überlebenswichtig? Oder fraglich? Denn…

Unterm Strich ist doch nicht wichtig, welche ungekürzte Zahl da steht. Sondern ob in uns Wissbegier entsteht. Dass sich neues Gedankengut in die Welt entlädt und dort etwas bewegt!

Druck und Fakten. Fakten und Druck. Ich druck dir mal die Fakten aus, damit du schwarz auf Papier-sheet siehst, was im Argen liegt: Zu wenig Freude. Zu wenig Raum. Für Kreativität. Zum Experimentieren, Zum Selberdenken, zum Diskutieren, zum Hinterfragen und Ausprobieren, zum etwas Wagen und Improvisieren!

Doch in 6000 Quadratmillimeter Rissen in Faktenwüsten sähen sich Ideen, die keimen. Und ihre Kerne platzen und wachsen und dehnen die Spalten unversehens zu breiten Lücken, zu großen Räumen, in denen Großes entstehen kann!

Denn Unterm Strich sagt der Nenner was wirklich zählt.
Und der Zähler merkt, dass es um Menschen geht.

Unterm Strich sprechen wir von Bildungserfolg und von Bildungsverlierern, von Pisa-Studien und Lehrplänen, von Maßnahmen um das Niveau zu heben und Strategien, um noch effektiver zu lehren. Wir sprechen von der Note, der Quote, dem Schnitt, dem Durschnitt, dem Querschnitt, dem Mittelmaß, dem, was messbar ist in Tests um festzustellen wie viel Wissen jeder hat.

Wir sprechen von Einser-Kandidaten und Total-Ausfällen, von Fällen, in denen nichts hilft und solchen, die gymnasialreif sind. Von Helikopter-Eltern und doofen Lehrern, Überfliegern, Förderschülern, Mobbing-Opfern, Sitzenbleibern, verrückten Professoren und richtigen Durchboxern.

Doch unterm Strich geht es weder um Quantifizierung, noch um Kategorisierung. Sondern um Wertschätzung! Es geht darum, gemeinsam neue Wege zu gehen, spielerisch im Individuum das bestmögliche Lernergebnis zu erzielen. Es geht darum, was hängenbleibt! Es geht um Freude und Zufriedenheit, um Menschen, die Eigenständigkeit entwickeln sollen und geistige Mündigkeit.

Eingestaubte Bioräume, sezierte Blütenköpfe, steril, vertrocknet, ohne Leben… Referate, leise, langatmig, ohne Nachhall, ohne Nachhaltigkeit in den Köpfen und Herzen der da Sitzenden…
UND PLÖTZLICH! EINE EXPLOSION!!! Der Chemie-Lehrer hat was krachen lassen! Aufruhr! Begeisterung! Emotion! .. verbreitet sich im Raum und in den Gesichtern der Schüler und der Lehrer grinst zufrieden und alle….
Beep beep beep. Beep beep beep. Beep beep beep.
Der Wecker klingelt und ich muss zur Schule. Es ist noch dunkel draußen.

Ich höre meine Mutter in der Küche klappern. Sie hat mir schon Brote gemacht. Mein Vater sitzt auf dem Klo. Gleich gehen wir alle gemeinsam aus dem Haus. Denn meine Eltern sind beide Lehrer. Die Freunde meiner Eltern sind Lehrer und die Eltern meiner besten Freunde auch. Ich wachse in einem Pädagogen-Haufen aus netten Menschen auf. Aber seltsamerweise wirken sie wie eine komplett andere Spezies als die Lehrer, die mich in der Schule unterrichten… Wahrscheinlich, weil Lehrer per se schon nette Menschen sind, aber das Bildungssystem sie so strapaziert und einengt, dass sie in der Schule eben auch mal doof sein müssen.

Ich hatte eine Kunstlehrerin mit einer Stauballergie, die dauernd ausfiel. Einen Kunst-Vertretungslehrer der im Kopierzimmer heimlich trank. Ein Mathelehrer, der genau einen Weg kannte, das, was in unsere Köpfe sollte, zu erklären. Einen Biolehrer, der fasziniert war von seinem Fachgebiet, aber nicht den geringst-empathischen Bezug zu seinen pubertierenden Schülern herstellen konnte.
Ich hatte aber auch eine Französischlehrerin, die mich mit ihrer unglaublichen Geduld vor dem Sitzenbleiben gerettet hat. Hatte mehrere Deutschlehrer, die wundervolle, neue Welten für mich geöffnet haben und später sogar einen großartigen, geduldigen und kreativen Mathe(!)lehrer.

Und dann hatte ich noch diese Lehrer-Eltern… Eine, die hingebungsvoll mit Pappkarton-Pandas gebastelt und mit Fu und Fara ABC gelehrt hat. Und einen, der jeden Tag mit sogenannten „Schwererziehbaren“ konfrontiert war und stets darum gekämpft hat, ihnen ein bisschen soziale Manieren und ein wenig Politikwissen beizubringen.

Von diesen Eltern habe ich die andere Seite des Schulalltags erfahren. Soziale Herausforderungen. Engagement. Leidenschaft! Die Freude, die ein Lehrer-Individuum in seinem Innersten fühlt, wenn es ein Schüler-Individuum und die Ganzheit seiner Persönlichkeit auf seinem Entwicklungsweg betrachtet… und das Leiden, ihm trotzdem eine Vier geben zu müssen.

Wenn ich Papa abends Gute Nacht sagen ging, saß er oft mit einem Bier vertieft am Schreibtisch über ausgebreiteten Blättern und seufzte. „Was meinst du, soll ich ihm jetzt noch eine Drei geben oder eine Vier? Ich weiß ja, dass er eigentlich nicht dumm ist, aber in dieser Arbeit hat er einfach gar nichts Sinnvolles geschrieben…“ – „Dann gib ihm trotzdem eine Drei!“, sagte ich mit meinem Gute-Nacht-Kuss. „Dann freut er sich.“ – „Hm… Na gut, wenn du meinst,“ murmelte mein Vater und kritzelte eine rote Drei Minus auf das Papier.

Denn unterm Strich sagt der Nenner was wirklich zählt.
Und der Zähler merkt, dass es um Menschen geht.

Und Lehrer sind auch nur Menschen. Meist gute. Menschen, die nicht alleinig verantwortlich dafür sind, was in der Schule gut oder schlecht läuft, aber dennoch eine große Verantwortung tragen. Es sind Menschen, die einen Unterschied machen können, die eine neue Generation beeinflussen.

We don`t need no education stimmt nicht ganz… Aber wir brauchen eine andere Bildung als damals! No thoughts control ! Sondern eine Bildung, getragen von Austausch, Anregung und Motivation. Es braucht Kreativität und Leidenschaft zur Innovation.

Also, teachers und andere Bildungsbeauftragte, please, don`t leave the kids alone ! Aber gebt ihnen Wurzeln aus Wissen UND Flügel aus Inspiration… Gebt ihnen wipfelweise Freiraum für im Wind wehende Ideen. Denn dieser Ideen-Wind hat die Kraft, den Staub alter Bildungs-Wüsten aufzuwirbeln und ihn in neuer Form wieder zu legen. Und so das Antlitz der Welt zu verändern…

(Um diesen Wind zu fühlen, treffen sich heute wieder Menschen zum Klub Universum.
Dabei wünsche ich euch viel Spaß und Inspiration!)

Janina Mau, November 2018

 

Wir bedanken uns einmal mehr bei allen, die uns so tatkräftig unterstützt haben! Einen herzlichen Applaus bitte für:

 

 

Und auch an diejenigen, ohne die wir dies alles nicht hätten auf die Beine stellen können:

Der nächste KLUB UNIVERSUM steht übrigens schon vor der Türe: Am 28. März 2019 freuen wir uns auf einen mindestens ebenso schönen Abend. Anmeldungen sind schon möglich! Unser Postfach freut sich darauf: kontakt@klub-universum.de.